Nr. 142 Neckar ⸗Bote(2. Blatt) Dienstag, 21. Juni 1938 Eine Fahrt nach den noru baulichen Moubauernbörforn Wo vor einem Jahr noch Wald ſtand, geht heute der Pflug. Auf einer Fahrt mit dem geſchäftsführenden Vor⸗ ſtand der Badiſchen Landesſtedlung, Dr. Krumm, konnte der Berichterſtatter des NS.⸗Gaudienſtes das Werden und Wachſen einer ſolchen Neugründung vom Ur⸗ zuſtand bis zum Dorf mit Haus und Hof, Garten und Feld beobachten. „Zum Siegfriedsbrunnen“ leſen wir auf der Straße nach Sinsheim a. d. E. auf einem farbigen holzgeſchnitzten Wegweiſer kurz vor Odenheim. Ein ſchauderhaft holpriger Weg zweigt hier links ab. In dem Hochwald, von hohen Tannen umgeben, liegt der Siegfriedsbrunnen. Ein Sen relief über dem ſauber gefaßten Brunnen ſtellt dar, wie der grimme Hagen den ahnungslos am Quell knieeden Sieg⸗ fried mit dem Speer durchbohrt. Ob der Dichter des Nibe lungenliedes dieſen Platz gekannt und dorthin die tragiſche Szene verlegt hat? Es gibt im Odenwald Quellen, die gleichfalls„Siegfriedsbrunnen“ heißen. Wir laſſen die Frage auf ſich beruhen und freuen uns bei kurzer Raſt des klaren Quells an dem lauſchigen kühlen Plätzchen. Auf der Höhe oben erreichen wir eine zwiſchen Wäldern eingebettete flache Mulde, in der einige dürftig bebaute Felder liegen. Hier ſoll bis zum 30 jährigen Krieg das Dorf Schindelberg geweſen ſein. Und dieſe Annahme hat viel Wahrſcheinlichkeit für ſich. Denn alle Höhenrücken zwi⸗ ſchen zwei Tälern in dieſem Teil des fruchtbaren Kraich⸗ gaues ſind von Dörfern gekrönt, nur dieſer nicht. Die nächſten Gemeinden Odenheim, Michelſeld und Oeſtringen liegen weit ab. Das Feid hier oben iſt größtenteils Allmend⸗ land dieſer drei Gemarkungen und es gedeiht alles: Obſt, Tabak, Zuckerrüben und, wie ein Rebenſtück erkennen läßt, auch Wein. Die gegen Norden und Oſten geſchützte Mulde öffnet ſich gegen Süden. Ein ſchönes Fleckchen Erde und wie geſchaffen für ein Dorf! Die Siedlungsfläche umfaßt etwa 230 ha. Davon ſind bisher ſchon 170 ha, wie erwähnt, mäßig landwirtſchaftlich genutzt; die reſtlichen 60 ha ſind Wald, der im Laufe dieſes und des nächſten Jahres gerodet wird. Der Arbeitsdienſt, der unten an der Straßenabzweigung ſchon das erſte Lager aufgeſchlagen hat, geht jetzt an den Straßenbau und an die Anlage einer Waſſerleitung. Jede Neuſiedlung erhält gute Zufahrtswege, Waſſer und elektriſchen Strom. In dieſem Jahr werden Straßenbau und Waſſer⸗ leitung noch fertig. Im Frühjahr wird mit dem Bau Schindelberg. Mit einem Gi e— e de ee Da gabs eine große Aufregung. Geſtadt ſchlug auf den Tiſch und ſprach in ſeiner Aufregung norwegiſch auf Billy ein und Mabel heulte los. Billy verſtand kein Wort, aber als er fertig war, zog er das Scheckbuch und ſagte:„Wollen Sie ſich aufopfern, tauſend Dollar gebe ich dazu!“ Jane ſaß ſtarr vor Staunen und Mabel war im Innerſten getroffen. All ihr Selbſtbewußtſein, das Ver⸗ trauen auf ihre Schönheit hatten Billys grobe Worte ſchmelzen laſſen wie die Butter in der Sonne. Alles Zureden Geſtadts beruhigte ſie nicht. Sie hatte gehofft, daß Billy noch einmal ganz klein vor ihr werde und jetzt.. jetzt bot das Ungeheuer dem tauſend Dollar, der ſie heirate, bekundete, daß nicht ein Funken Liebe mehr in ihm ſei. 5 Nein, das war zuviel, ſoviel getäuſchte Hoffnung konnte Mabel nicht ertragen. 8 erhob ſich und ver⸗ ließ den Tiſch, gefolgt von Geſtadt. 5 „Warum biſt du ſo häßlich zu Mabel? ſagte Jane vorwurfsvoll, die unangenehme Stille überbrückend. Mit Würde entgegnete Billy:„Weil ich Sie erziehen will!“ Udo aber verbiß mühſam ein Lachen und ſtarrte an⸗ gelegentlich in ſein Limonadenglas. 5 a Er ſchrak förmlich auf, als ſich Billy an ihn wandte: „Sagen Sie, lieber Mr. Wendt, wo tritt Miß Kayner heute auf?“ 5 5 „Im 2h am Kurfürſtendamm! Sie ſpielt die Salondame in einem Luſtſpiel!“ 5 „Wonderfull! Dann werde ich mir das Stück einmal anſchauen! Iſt doch eine ſobo ſcharmante Frau! 1 Billy grinſte über das ganze Geſicht.„Stimmt do 5 was? Und wenn ſie noch zehn Jahre älter wäre 5 iſt eben wirklich eine Frau, nach der man ſich ſehne kann, lein Zuckerpüppchen!“ 5. de ee e e der Häuſer begonnen, die im Herbſt 1939 oder Frühjahr 1940 bezugsfertig ſind. Es find 25 Erbhöfe mit durch⸗ ſchnittlich 8-11 ha Größe. Die Höfe werden in lockerer Bauweiſe zu einem kleinen Dorf zufammengefaßt; die Ab ſtände von etwa 60 m laſſen genug Luft und Bewegungs freiheit. 5 Als Haustyp wird ein der Landſchaft angepaßtes Bauernhaus gewählt, das Wohn⸗ und Wirtſchaftsgebäude unter einem Dach vereinigt und neuzeitlich ausgeſtattet iſt. Bei Vergrößerung von Familien und Wirtſchaft iſt es ausbaufähig. Die Siedler kommen hauptſächlich aus den drei Gemeinden. Was wir auf dem Schindelberg ſahen, war ein erſter fang, wie er vielleicht irgendwo im fernen Weſten von 6 dlern gemacht wurde, die an fremdem Boden t leiſteten. Als wir dann Lauerskreuz bei Neckargerach aufſuchten, ſahen wir ein Neubauerndorf mit bewohnten Häuſern und bebauten Aeckern. Auch hier eine ützte, von Wald eingefaßte Mulde mit fruchtbarem Lößboden. Was dieſer zu leiſten vermag, ſieht man an dem präch and der Felder. Die eine Tallehne hinauf dehnt ſich ein einziger Roggenſchlag, wie man ihn in dieſer Mächtigkeit in Baden kaum irgendwo zu ſehen bekommt. Hier hat die Badiſche Landesſiedlung im Anfangsjahr ge⸗ ſät. Die Ernte wird dann unter den Siedlern aufgeteilt. Die zweite Ausſaat nimmt jeder Neubauer auf dem ihm zugeteilten Gelände ſelbſt vor. Um den Uebergang zu er⸗ leichtern, wurden die Felder im erſten Jahr mit Maſchinen und eigenen Leuten der Landesſiedlung bearbeitet. Auch finanziell wurde den Neuſiedlern ſehr entgegengekommen, beſonders, in ſteuerlicher Hinſicht, ſowohl vom Staat wie von den Gemeinden. ligen Für den Erwerb einer Neubauernſtelle in Baden muß der Siedler allgemein 2000 bis 3000 RM bares Geld und die notwendigen Fahrniſſe mitbringen. Der Reſt wird in Form einer Rente abbezahlt; ihre Höhe wird der Leiſtungsfähigkeit des einzelnen Betriebes angepaßt. Alle Betriebe ſind Erbhöfe.. Haus und Hof liegen hier oben ſo ſchön beiſammen, daß der Bauer in wenigen Minu ſen den entfeenteſten Schlag erpeicht. Welcher Unterſchied gegenüber den frühe en Vor⸗ hältniſſen, wo der Landwirt im Sommer vom Morgengrauen bis in die ſinkende Nacht ſich abhetzen mußte, weil er einen gutken Teil des Tages auf den Wegen zu den weit verſtreuten Feldern verſäumte. Reichsfeſtſpiele Heidelberg 1938 Die Beſetzung der Hauptrollen im„Fauſt“ 1. Teil. J Heidelberg. Der für dieſes Jahr vorgeſehene Spiel⸗ plan umfaßt den 1. Teil von Goethes„Fauſt“, Shakeſpeares „Der Widerſpenſtigen Zähmung“, Joſeph von Eichendorffs romantiſches Luſtſpiel„Die Freier“ und Goethes„Götz von Berlichingen“, 5 Die erſte Aufführung der diesjährigen Feſtſpielzeit wird Goethes„Fauſt“ 1. Teil ſein. Den„Mephiſto“ im Fauſt ſpielt Werner Krauß, der es trotz ſeiner Verpflichtung in Salzburg möglich gemacht hat, auch bei den Neichsfeſtſpielen mitzuwirken. Maria Wimmer vom Staatl. Schauspielhaus Hamburg wurde von Ingolf Kuntze für die Rolle des„Gret⸗ chens“ verpflichtet. Werner Hinz, ebenfalls vom Staatsthea⸗ ter Hamburg, wird die Titelrolle ſpielen. Paul Kemp hat die Rolle des„Schülers“ übernommen. Lina Carſtens wird „Marthe Schwertlein“, Hilde Seſſak das„Lieschen“ ſein, und Fred Liewehr vom Burgtheater in Wien ſpielt den „Valentin“. Regie führt Richard Weichert von der Volks⸗ bühne Berlin. Traugott Müller vom Staatstheater Berlin beſorgt die Geſamtausſtattung und Rudolf Kölling vom Deutſchen Opernhaus Berlin zeichnet für die Choreographie verantwortlich. i Die erſte Aufführung findet in feierlichem Rahmen am 17. Juli ſtatt. Wiederholungen ſind vorgeſehen für den 20. 22., 23., 29. Juli und I., 3., 7. Auguſt. 5 Ein Segen liegt auf dieſer Erde. Der Segen redlicher Bauernarbeit! Ein Stück Heimat ſind die behäbigen Häuſer mit den freundlichen Fachwerkgieben. Das braune Scheren⸗ gitter längs der Straße faßt die Einzelgehöfte zu einem geſchloſſenen Dorſbi d zuſammen. Hinter den Häuſern ſtehen in Reih und Glied junge Obſtpflanzungen. Alles in allem iſt hier eine landwirtſchaftliche Muſterwirtſchaft im Werden. Ihr Vorzug liegt gerade darin, daß man nach einheitlichem Plan ganz von vorn anfangen konnte. Lauerskreuz wird nach Abſchluß der Rodung 1455 ha = 5 Rodung wird noch um einen e läßt dabei einige ſchöne Baum⸗ gruppen ſtehen. Im Laufe des Jahres 1939 wird die ganze Fläche unter dem Pflug ſein. Den Abſchluß der Fahrt bildet noch ein kurzer Beſuch der Siedlung Neurott bei Heidelberg. Auf der anderen Seite der Reichsgutobahn liegt Bruchhauſen. Auch hier war der Anfang ſchwer, und es bleib noch manches zu tun. Aber der hervorragende Boden in einem der frucht⸗ barſten Teile der Rheinebene bildet eine außerordentliche Grundlage. entfernt. 65 rund das Neub 0 55 ee 5 2 2 auerndorf Lauerskreuz. Ind damit erhob er ſich und verabſchiedete ſich von allen dreien am Tiſch. Jane ſtarrte ihm nach und ſagte erregt:„Er wird doch nicht!“ „Was meinen Sie, Miß Jane?“ „Ich meine. er wird doch nicht... dieſe Frau hei⸗ raten!“ „Ich vermute, daß er die Abſicht hat!“ Jane erhob ſich raſch.„Das muß ich ſofort Papa ſagen! Das iſt doch Unſinn! Sie iſt ja viel zu alt für ihn!“ Jane ſtrebte dem Veſtibül zu. Die beiden Männer waren allein. Sörrenſens Blick bekam einen ſehnſüch⸗ tigen Zug, als er Jane nachſchaute und Udo ſah es und er wußte. daß die Entſcheidung vielleicht ſchon ge⸗ fallen war. Und fühlte ſich doch keine Spur unglücklich. * Vergnügt ſtand Billy vor dem Spiegel und ver⸗ ſuchte, der Krawatte den letzten Schliff zu geben. Er pfiff vor ſich hin und hatte Geduld. Sonſt brauchte er immer zwanzig Minuten und ſiehe da, heute ſaß ſie ſchon nach wenigen Minuten! Er würde zu Liddy Kayner gehen! Er würde ihr die ſchönſten Roſen auf die Bühne ſchicken und würde ſich das Vergnügen und die Ehre ausbitten, ſie heimbegleiten zu dürfen. Und vielleicht lernte er die ganze Familie kennen und vielleicht.. Sein Gedankengang wurde jäh unterbrochen, denn ſein Onkel, Daniel Sutter, erſchien plötzlich und trat erregt auf den Neffen zu. „Du willſt fort?“ „Ja, lieber Onkel,“ ſagte Billy vergnügt,„einen kleinen Beſuch in einem ſo netten Theaterchen machen!“ „Du willſt dieſe Miß Kayner beſuchen!“ „Will ich, Onkel, Beſter, ich will in die Hände klatſchen, daß das Theater wackelt und was es auf dem Kurfürſtendamm an Blumen gibt, das muß auf die Bühne!“ 5„ 5 „Hör mich an, my boy, du haſt geäußert, daß du dieſe Miß Kayner heiraten willſt!“ Grinſend wandte ſich Billy um und nickte.„Feſte Abſicht!“ „Biſt du denn toll geworden? Du biſt 32 Jahre und Miß Kayner iſt... 52 Jahre! Das iſt doch einfach un⸗ möglich!“ Billy verbiß mühſam ein Lachen, als er in das er⸗ regte Geſicht ſeines Onkels blickte. Ganz rot wars und der immer ruhige Sutter war kaum wiederzuerkennen, ſo aufgeregt gebärdete er ſich. „Die Liebe, Onkel!“ ſprach Billy mit Emphaſe,„iſt eine komiſche Angelegenheit! Wo ſie hinfällt! Ich habe mich für Miß Kayner entſchloſſen! Ich ſage dir, die iſt mit 70 Jahren noch eine Schönheit! Nichts kann mich von meinem Entſchluß abbringen!“ Da verlegte ſich Sutter aufs Bitten. „Billy, ich habe deinem Vater verſprochen, über dich zu wachen!“ „Das haſt du nicht mehr nötig, lieber Onkel! Ich ent⸗ binde dich davon!“ „Dann ſagte dein Vater zu mir: Billy iſt ein guter Junge, aber er hat die reale Einſtellung zum nüchter⸗ nen Leben noch nicht und wird ſie ſchwer lernen! Er iſt ein Idealiſt, ein Schwärmer..!“ „Mit 190 Pfund!“ lachte Billy ſchallend.„Gib dir keine Mühe, Onkel, ich bin verliebt! Was iſt ſchon mit einem verliebten Manne anzufangen? Das merkſt du doch ſelber!“ „Ich? „Ja! Sieh mich nur nicht ſo unſchuldsvoll an, lieber Onkel! Die Zigarre iſt dir übrigens ausgegangen! Hier haſt du Feuer! So! Alſo... ich weiß alles! D willſt Miß Kayner heiraten!“ „Und wenn ichs will!“ rief Sutter wütend,„dann geht das keinen was an! Schon ſeit zehn Jahren ſuche ich die Frau, die reif.. und ſchön iſt, und jetzt habe ich ſie gefunden und laſſe ſie mir von dir jungem Bengel nicht ausſpannen! Verſtehſt du!“ 8 2 5 ö 4 19 „Morgen werde ich im Tower erſchoſſen. Lebt wohl!“ Das war der Abſchiedsgruß, den der Oberleutnant zur See d. NR. Hans Lody ſchrieb. Als unbe⸗ Wird England in den Krieg eintreten? Vom Gebäude der Admiralität in Whitehall bis zum Gebäude des Sekretariats für Auswärtige Angelegen⸗ heiten braucht man nur ein paar Schritte zu gehen. Trotz⸗ dem gelingt es dem Läufer des Erſten Lords der Admira⸗ lität Seiner Britiſchen Majeſtät, volle zehn Minuten an dieſes Unternehmen zu verſchwenden. Zwiſchen der Admi⸗ ralität und dem Foreign Office, dort, wo heute der Park⸗ platz für Diplomatenwagen eingerichtet iſt, ſteht an dieſem in Frage kommenden Tage ein Coffee⸗Stall, eine Er⸗ friſchungsbude. Der Läufer iſt in den letzten Tagen wie ein Fuchs vor einer Shropſhiremeute hin und her gejagt worden, und als er die verlockenden Düfte des Coffee⸗ Stalls ſpürt, fällt ihm ein, daß er heute noch nichts Ver⸗ nünftiges gegeſſen hat. Er beſtellt eine Taſſe Kaffee und zwei Paar Roſtwürſtchen, und damit verzögert er den Gang der Weltgeſchichte um zehn Minuten. In ſeiner Mappe befindet ſich ein Schreiben des Erſten Lords der Admiralität Seiner Britiſchen Majeſtät, Winſton Chur⸗ chill, an den Erſten Staatsſekretär des Aeußern. Der Text lautet:„Will der Herr Staatsſekretär des Aeußern die Freundlichkeit haben, den Erſten Lord der Admiralität ſofort zu einer kurzen Unterredung zu empfangen? Es wird gebeten, dem Läufer entſprechende Mitteilung zu geben.“ Winſton Spencer Churchill iſt ein Mann von ſchnellen Entſchlüſſen. Er ſitzt mit der Uhr in der Hand an ſeinem Schreibtiſch und hat ſich ausgerechnet, daß nach genau acht Minuten der Läufer zurück ſein muß. Er iſt es nicht. Zunächſt einmal wird das Rad der Welt⸗ geſchichte durch zwei Paar Würſte vom Roſt aufgehalten. Die zwei Gegenſpieler in den Auguſttagen 1914: Sir Edward Grey, der engliſche Außenminiſter, der ziel⸗ bewußt auf den Krieg zuſteuerte; der Reichskanzler von Bethmann⸗Hollweg, der noch bis zum letzten Augenblick an den Friedenswillen Englands glaubte. Das Datum des Briefes iſt der 1. Auguſt 1914. Acht Minuten, neun Minuten, zehn Minuten, und dann be⸗ ginnt Winſton Curchill, neue Möglichkeiten zu erwägen. Warum nicht gleich vor die rechte Schmiede gehen mit ſeinem etwas heiklen Verlangen? Mit Grey allerdings hätte er die kleine diplomatiſche Verſchleierung, die not⸗ wendig iſt, mühelos erreichen können. Ob aber auch der Premierminiſter—? Der Erſte Lord ſchickt keinen neuen Läufer. Diesmal geht er ſelbſt zur Downingſtreet 10. Er hat es etwas weiter als ſeine Ordonnanz. Der Premierminiſter emp⸗ fängt ihn ſofort. Würdig und geruhſam ſitzt Asquith hin⸗ ter dem ſchmalen Schreibtiſch. Er ſpielt gemütlich mit ſeinem Fakſimileſtempel, während Churchill ihm in der vorgeſchriebenen zeremoniellen Form borträgt:„Die Admiralität hält es für dringend erforderlich, die geſam⸗ ten Seeſtreitkräfte Großbritanniens unverzüglich Kriegs⸗ ſtationen beziehen zu laſſen. Es iſt jedoch andererſeits im Sinne der Admiralität, wenn die deutſche Hochſeeflotte vorerſt zu keinen ähnlichen Bewegungen veranlaßt wird. Die Admiralität iſt der Meinung, daß die diplomatiſchen Möglichleiten des Staatsſekretariats des Aeußern ſo ge⸗ artet ſind, daß ſie dieſen wünſchenswerten Zuſtand mühe⸗ los erzielen können.“ Aus der etwas ſchwierigen Sprache der Politik über⸗ tragen, heißt das: Wir wollen kriegsbereit ſein. Wir wol⸗ len aber auch, daß es der Gegner nicht iſt. Wir wünſchen daher, daß die verantwortlichen politiſchen Stellen ein entſprechendes Täuſchungsmanöver der deutſchen Diplo⸗ matie gegenüber vornehmen. Asquith ſpielt immer noch mit ſeinem Stempel: „Welche Antwort hat Sir Grey der Admiralität gegeben?“ „Sir Grey iſt im Augenblick nicht erreichbar.“ Asquith nickt:„Gut, dann will ich ſelbſt nach dieſer Angelegenheit ſehen.“ Eine Stunde ſpäter dampft die engliſche Schlachtflotte auf Kriegsſtationen. Dies geſchieht um die Mittagsſtunde des 1. Auguſt 1914. Der alte Gentleman Genau um dieſelbe Stunde überreicht von Bethmann⸗ Hollweg tief befriedigt dem Kaiſer das letzte Kabel des deutſchen Botſchafters in London, des Fürſten Lichnowfky. Der Botſchafter iſt in den frühen Vormittagsſtunden von Asquith empfangen worden und hat tief beeindruckt nach Deutſchland gekabelt:„Der alte Gentleman(Asquith) hat nir ſoeben mit Tränen in den Augen erklärt, daß ein —— — 2 kannter Kämpfer in Feindesland hat er ſeine Pflicht bis zum Letzten erfüllt. Der deutſche Zerſtörer „3 10“ wird den Namen des Helden tragen, deſſen Kampf und Schickſal unſer Bericht ſchildert. Krieg zwiſchen unſeren beiden Völkern, die durch Bluts⸗ nähe verbunden ſind, unmöglich iſt.“ Der Kanzler iſt tief befriedigt. Er ſtrahlt; er wird recht behalten. England wird nicht in den Krieg eintreten, und ſein Triumph wird auch nicht durch den Umſtand geſchmälert, daß man beim deutſchen Admiralſtab die Beteuerungen des Fürſten Lichnowſky mit äußerſtem Mißtrauen aufnimmt. Auch der Aktenvermerk des Kaiſers am Rand des Kabelſpruches kränkt ihn nicht ſehr: „Wird der ſtaunen, wenn er aus ſeinen diplomati⸗ ſchen Träumen erwacht!“ f Wieder London, wieder der gleiche Zeitpunkt. Es iſt ſchätzungsweiſe zwei Uhr mittags. Asquith telephoniert mit Winſton Spencer Churchill:„Beſteht für Deutſchland die Möglichkeit, eventuell die engliſchen Schiffsbewegun⸗ gen zu beobachten?“ Churchill antwortete ohne eine Sekunde des Nach⸗ denkens:„Keine Information über engliſche Schiffs⸗ bewegungen wird nach Deutſchland gelangen.“ Asquith iſt befriedigt und empfängt in unmittel⸗ barem Anſchluß an das Telephongeſpräch den Fürſten Lichnowſky. Er hat ihn dringlich zu ſich gebeten, und Lichnowſky hat ſich beeilt, dieſer Aufforderung unverzüg⸗ lich nachzukommen. Lichnowſkys„alter Gentleman“ erweiſt aufs neue ſeine großartige Beſorgnis um die Erhaltung des Frie⸗ dens. Ganz fraglos iſt es nur ſeine Liebe zu den beiden Ländern und der heiße Wille, ihre Beziehungen durch nichts ſtören zu laſſen, daß er Lichnowſky folgendes unter⸗ breitet:„An der freundlichen Haltung der engliſchen Re⸗ gierung gegenüber Deutſchland kann kein Zweifel beſtehen. Um jedoch in dieſer Zeit der äußerſten Labilität aller Dinge dieſes gute Verhältnis auch nicht durch das mindeſte Vor⸗ kommnis zu belaſten, um in dieſen Tagen, in denen die harmloſeſten Dinge eine falſche Deutung erfahren können, auch die leiſeſte Möglichkeit eines Mißverſtändniſſes aus⸗ zuſcheiden, wäre es gut und nützlich, wenn die deutſche Regierung ihren Admiralſtab anweiſen würde, jede Schiffsbewegung zu unterlaſſen.“ Fürſt Lichnowſky kabelt begeiſtert auch dieſes Ergeb⸗ nis ſeiner letzten Unterredung mit Asquith nach Deutſch⸗ land, und noch begeiſterter ſchickt von Bethmann⸗Hollweg dieſen Kabelſpruch mit dem Bemerken an den Kaiſer, unter keinen Umſtänden dürfe ein derart wohlmeinender Hinweis einer ſolch hohen Stelle, ein derart freundſchaft⸗ licher Rat in den Wind geſchlagen werden. 5 Nichts zu berichten! Der Kaiſer kräuſelt ſpöttiſch die Lippen und ſchreibt an den Rand:„Dieſer alte Fuchs, der Asquith!“ Er iſt zunächſt durchaus auf ſeiten ſeines Admiralſtabes. Was die Engländer auch beteuern mögen, die deutſche Flotte wird und muß Kriegsſtationen in der Nordſee beziehen. Die Telegramme des Marineattachéss Müller ſind etwas anders geartet als die des Herrn Botſchafters. Müller kann zwar auch keine entſcheidenden Tatſachen anführen, aber er gibt immer wieder energiſch ſeiner Meinung Aus⸗ druck, daß England zum Eingreifen bereit iſt. Bevor jedoch der Aufmarſchbefehl die Nauener An⸗ tennen verlaſſen kann, ſind von Bethmann⸗Hollweg und der Staatsſekretär des Außern, von Jagow, beim Kaiſer. Unter keinen Umſtänden darf etwas geſchehen, was in England als Provokation angeſehen werden könnte. Un⸗ ter gar keinen Umſtänden! 8 Der Kaiſer iſt unſicher, und dann erfolgt ein Tele⸗ phongeſpräch aus dem Schloß zur Bendlerſtraße, das in ſeltſamer Weiſe einem anderen ähnelt, das wenige Stun⸗ den vorher in London geführt wurde. 5 „Beſteht eine Möglichkeit für uns, über engliſche Schiffsbewegungen rechtzeitig informiert zu ſein?“ Ja, eine ſolche Möglichkeit beſteht allerdings. Es arbeiten durchaus verläßliche Leute an allen in Frage kommenden Punkten in England. Allerdings—— „Sind Nachrichten von ihnen gekommen?“ Nein, es ſind keine eingetroffen. Das kann man als ein günſtiges Zeichen auslegen, es kann aber auch das Gegenteil heißen. Im Geheimen Nachrichtendienſt des Admiralſtabs empfindet man gerade das abſolute Still⸗ ſchweigen mit einiger Unruhe. Der deutſche Reichskanzler von Bethmann⸗Hollweg aber ſieht keinen Anlaß zur Beunruhigung. Unſinn, Schauermärchen—! Die Agenten haben nichts berichtet, weil es einfach nichts zu berichten gibt! Sämtliche Agen⸗ ten! Selbſt wenn man ganz peſſimiſtiſch denken will, iſt es völlig ausgeſchloſſen, daß ſie alle der engliſchen Gegen⸗ ſpionage bekannt ſein ſollen. Phantaſtereien kriegslüſterner Kapitänleutnants!— England will und braucht den Frieden mit Deutſchland. England bleibt der Freund, dafür hat er, von Bethmann⸗ 1 in langen Jahren voll unſäglicher Bemühungen geſorgt. Noch immer ſchwankt der Kaiſer. Mit halbem Herzen entſcheidet er ſich ſchließlich, noch einige Tage warten zu wollen. Früher oder ſpäter müſſen ja verläßliche Nach⸗ richten der Agenten vorliegen. Dann wird man klar ſehen. Bis dahin bleibt die deutſche Flotte vor Anker. Englands Grand Fleet liegt um dieſen Zeitpunkt längſt auf Kriegsſtation. Es iſt nachmittags fünf Uhr. Die unerträgliche Schwüle des Sommers 1914 ſcheint ſich in den letzten Sonnenſtunden des 4. Auguſt zuſammenzuballen. Die Fenſter des deutſchen Admiralſtabs ſtehen weit offen. Im Waſſer des Landwehrkanals ziehen träge Enten durch Goldkringel und träumeriſches Schattenblau. Es iſt nicht zu glauben, daß Krieg in der Welt iſt. Nur dann und wann klingen Fetzen von Marſchmuſik und Geſang 723 Dag SGI. DER HN IODy 8 0 Saller an, Clemen lour. von der fernen Potsdamer Straße herüber. Dort ziehen die Garderegimenter zur Schöneberger Verladerampe. Kameraden ziehen hinaus Kameraden ziehen dort hinaus, die kämpfen dürfen. Und hier? Sie haben alle geballte Fäuſte, die jungen Oberleut⸗ nants und Kapitänleutnants, die an den Fenſtern ſtehen. Jeder einzelne von ihnen hat ſchon ein Auslandskom⸗ mando hinter ſich. Jeder hat einmal in einer engliſchen Meſſe geſeſſen, hat mit den engliſchen Offizieren ange⸗ ſtoßen und hat ſehen müſſen, wie die da drüben an nichts anderes dachten als an die unausbleibliche Auseinander⸗ ſetzung mit Deutſchland. Man hatte ſogar darüber ge⸗ ſprochen, kameradſchaftlich, offen und unverblümt, wie es unter gleichwertigen Männern üblich iſt, die ſich gegen⸗ ſeitig achten und doch wiſſen, daß es ihnen vom Schickſal auferlegt iſt, einmal Gegner ſein zu müſſen. Sie denken an die langen Friedensjahre, in denen vom Kommandanten herunter bis zum letzten Melde⸗ gänger jeder Angehörige der deutſchen Kriegsmarine im Gedanken an den einen kommenden Tag zur letzten Härte gegen ſich und zur äußerſten Einſatzbereitſchaft erzogen wurde. Jedem war es klar geweſen, daß Englands zah⸗ lenmäßige Ueberlegenheit nur durch Aufopferung und ſchnellen, kühnen Angriff wettgemacht werden konnte. Hans Lody, im Jahre 1914 Oberleutnant zur See, hat ſich als Kundſchafter in England große Ver⸗ dienſte um die deutſche Sache erworben. Er wurde ſtandrechtlich erſchoſſen. Aufnahmen(3): Scherl— M. Und jetzt? Wie im tiefſten Frieden hielt die Politik die deutſchen Schiffe im wahrhaften Sinn des Wortes an der Kette. 5 Der Gegner? Es war einfach nicht zu glauben, daß die drüben im Nordweſten genau ſo untätig an Land oder in den Meſſen umherlungern ſollten— dieſe Männer, die mit einer erſtaunlichen Selbſtverſtändlichkeit das Wort „Krieg“ gebrauchten und nüchterne ſtrategiſche Kalkulatio⸗ nen aufſtellten, wenn ſie da oder dort in der weiten Welt mit deutſchen Kameraden zuſammentrafen. Es war einfach nicht zu glauben. a Im Zimmer des Chefs ſchrillte das Telephon. Die Offiziere im Vorzimmer hören ein paar kurze, gedämpfte Worte, hören das Inſtrument in der Gabel klirren, und im ſelben Augenblick ſteht der Chef in der aufgeriſſenen Tür:„Meine Herren! Soeben hat Herr von Jagow an⸗ gerufen. Das Auswärtige Amt bittet um die Ueberſen⸗ dung eines Kuriers. Minuten ſind wichtig, iſt mir geſagt worden. Kapitänleutnant von Rintelen, Sie fahren auf der Stelle zum Wilhelmplatz. Einer der anderen Herren ſetzt ſich ſofort mit dem Polizeipräſidium in Verbindung und veranlaßt, daß durch Polizei der Verkehr an den Kreuzungen geſtoppt wird!“ Zwei Minuten darauf jagt ein offener, grauer Wagen die Tiergartenſtraße entlang, ſchwenkt auf zwei Rädern in die Voßſtraße ein und ſtoppt mit kreiſchenden Bremſen vor dem Auswärtigen Amt. 5 Als der Kapitänleutnant von Rintelen das Vorzim⸗ mer des Staatsſekretärs von Jagow betritt, ſieht. er auf dem großen Sofa zwei Herren ſitzen. Nun weiß er genug. Der Mann in korrektem Gehrock und Zylinder iſt der engliſche Botſchafter, Sir Edward Goſchen. Der Maun neben ihm, der im braunen Sommeranzug auf dem roten Plüſch hockt und ſeinen Strohhut auf der Krücke des Spazierſtocks kreiſen läßt, iſt James W. Gerard, der amerikaniſche Geſandte. 8 5 Dieſe beiden Männer zuſammen im Vorzimmer des deutſchen Staatsſekretärs des Aeußern, das kann nur eine Bedeutung haben: Sir Goſchen hat ſeinen Paß verlangt und als Vertreter der engliſchen Intereſſen den amerika⸗ niſchen Geſandten eingeführt.(Fortſetzung folgt.) Die Volks⸗Gasmaske ſoll ein Jeder erwerben! * a. n teref 1 ö Geg wick rade weil ene Sta oda Nack ler Wir als mun den das lung ſieht allzu verſt ausg in A vom Mill ſchen gran ſahr, 9 M natü tauch ſenſu tone wiſc irt aufg den aus. 2 Kom Dolle und Bau lung kung 3 zu, 0 — ſichts eine ein und