Vom pluralistischen Pressewesen zur nationalsozialistischen Gleichschaltung

von Eric Veyel

Noch zu Beginn der dreißiger Jahre gibt es in Mannheim sieben große Tageszeitungen. Von rechts bis links sind dabei alle politischen Richtungen vertreten. Mit der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten im Jahr 1933 findet jedoch die vielgestaltige Mannheimer Presselandschaft innerhalb kurzer Zeit ein Ende. Die Zeitungen werden von den neuen Machthabern durch politische Hetze bekämpft, verboten oder halten dem wirtschaftlichen Druck nicht stand. 1939 bleiben nur noch das Hakenkreuzbanner und die Neue Mannheimer Zeitung übrig. Gegen Kriegsende 1944 werden auch diese beiden Zeitungen „auf Kriegsdauer“ zusammengelegt.

Zu Zeiten der Weimarer Republik ist Mannheim eine der führenden Zeitungsstädte Badens. Das Angebot an Zeitungen ist groß und vielfältig, denn die meisten Parteien sind in der Stadt durch eigene Tageszeitungen vertreten: Eine der auflagenstärksten Zeitungen ist die liberal-demokratische Neue Badische Landeszeitung, die weit über Mannheim hinaus gelesen wird. Der General-Anzeiger (ab 1924 Neue Mannheimer Zeitung) hingegen bekennt sich politisch zur nationalliberalen DVP. Das Mannheimer Tageblatt bezeichnet sich als „bürgerlich parteilos“. Das Zentrum ist durch das Neue Mannheimer Volksblatt, die SPD durch die Volksstimme, die KPD durch die Arbeiter-Zeitung vertreten. Zudem gibt es acht kleinere Stadtteilzeitungen, die sich meist als „parteilos“ bezeichnen. Ab 1931 kommt schließlich noch das Hakenkreuzbanner als zentrales Propagandaorgan der NSDAP in Mannheim und der Region hinzu.

Die ersten Zeitungschließungen betreffen unmittelbar nach der Machtergreifung 1933 die kommunistischen und sozialdemokratischen Tageszeitungen in Mannheim. Die kommunistische Arbeiter-Zeitung wird am 28. Februar verboten. Im Untergrund wird sie allerdings einige Jahre weiter illegal verteilt. Wenig später muss auch die sozialdemokratische Volksstimme ihren Betrieb einstellen. So wird in der Nacht vom 9./10. März 1933 deren Verlagsgebäude in R 3, 14/15 von SA, SS und Polizei unter Beteiligung des Obersturmbandführers und Verlagsdirektors des Hakenkreuzbanners Kurt Schönwitz gestürmt und mit der Hakenkreuzfahne beflaggt. Verlagshaus und Druckerei werden anschließend für den Vertrieb des Hakenkreuzbanners in Besitz genommen.

Doch auch der politische und wirtschaftliche Druck auf die bürgerliche und katholische Presse nimmt massiv zu. Vor allem die Neue Badische Landeszeitung ist aufgrund ihrer liberalen Berichterstattung und ihres jüdischen Besitzers Heinrich Gütermann den neuen Machthabern ein Dorn im Auge. Als Versuche, die Zeitung über Mittelsmänner aufzukaufen und als gleichgeschaltete Parteizeitung weiter zu betreiben, am Widerstand des Besitzers und der Belegschaft scheitern, setzt sich die Partei deren Vernichtung als Ziel. Dem Besitzer wird das Betreten seiner Redaktionsräume verboten. Es wird eine beispiellose Hetzkampagne gestartet, die der Zeitung einen Großteil ihrer Anzeigenkundschaft kosten wird. Am 28. Februar 1934 muss die Neue Badische Landeszeitung ihren Betrieb letztendlich einstellen.

Auch das katholische Neue Mannheimer Volksblatt gerät durch die politischen Repressalien zunehmend in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Am 17. April 1934 wird deren Verlagsgebäude in S 2,3 von einem nationalsozialistischen Mob gestürmt. 1937 muss die Zeitung schließlich mit dem Mannheimer Tageblatt fusionieren, welches fortan Mannheimer Neues Tageblatt heißt. Dieses wiederum wird zwei Jahre später der Neuen Mannheimer Zeitung einverleibt, die dadurch ihre Auflagenzahlen erheblich steigern kann.

Die Neue Mannheimer Zeitung geht 1939 schließlich als wirtschaftlich potenteste Zeitung aus dem Verdrängungswettbewerb hervor und ist somit die einzige verbleibende Alternative zur NS-Parteizeitung. Doch stellt sie durch die strikte nationalsozialistische Lenkung der Zeitungsinhalte kein Oppositionsblatt dar. Eine distanziertere Haltung zum NS-Regime kann mitunter zwischen den Zeilen gelesen werden. Dieser Spielraum ist möglicherweise bewusst geduldet worden, um auch dem Nationalsozialismus ferner stehende Bevölkerungskreise durch weniger parteiideologische Sprache erreichen zu können.

Durch die Verdrängung der Konkurrenz kann das Hakenkreuzbanner seine Auflagenzahl massiv steigern und entwickelt sich schon bald zur auflagenstärksten Tageszeitung Mannheims mit eigene Lokalteilen für Schwetzingen und Weinheim. Anfangs unter 10.000 Exemplaren (1932) wächst der Verkauf auf über 41.000 (1935) und schließlich auf 60.000 (1939) an. Gleichzeitig zieht die Zeitungen einen Großteil der Anzeigenkunden an sich und auch die Stadt Mannheim benutzt das NS-Organ als Amtsblatt. Laut Hauptschriftleiter Dr. Wilhelm Kattermann solle das Blatt „dazu beitragen, die Idee des Nationalsozialismus in alle Volksteile zu tragen.“

Entwicklung des Mannheimer Pressewesens im Verlaufsdiagramm